Was passiert, wenn der Müll wieder entladen wird

Neue Müll-Plattform für Europa

Die EU will regeln, wie möglichst viel Abfall in Recycling-Anlagen landen kann statt auf Deponien und in der Verbrennung. Dazu haben die EU-Kommission und Interessenvertreter in Brüssel ein neues Gremium zum Austausch gegründet. Umweltschützer kritisieren, dass dabei Unternehmen zu viel Gewicht bekommen.

Aus Brüssel Susanne Schwarz

Von der Linie zum Kreis: In Brüssel geht es in den kommenden Wochen und Monaten darum, wie man es schaffen kann, dass weniger Produkte ihr Ende auf klima- und umweltschädlichen Deponien und in Verbrennungsöfen finden. Das Gegenmodell trägt den Namen Kreislaufwirtschaft: Rohstoffe sollen durch Recycling wieder in Umlauf kommen, sodass die Ressourcen geschont werden.

 

Weniger als die Hälfte des Plastikmülls wird recycelt

Weniger als die Hälfte des Plastikmülls wird recycelt – der Rest wird verbrannt oder verschmutzt Meere und Landschaft. (Foto: Schulze von Glaßer)

In der kommenden Woche will das EU-Parlament seine Position zum passenden Richtlinien-Paket der EU-Kommission festlegen. Am heutigen Freitag haben sich dazu Unternehmen, Politiker und Thinktanks aus allen EU-Staaten zu einer Konferenz über Kreislaufwirtschaft in Brüssel getroffen. Künftig wollen sie einmal pro Jahr im Rahmen dieser neuen “Circular Economy Stakeholder Platform” diskutieren. Angeregt hatte das der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss (EWSA), ein beratendes EU-Gremium aus gesellschaftlichen Interessenvertretern. Partner ist dabei die Europäische Kommission.

Klar ist: Nur reden wollen die Teilnehmer nicht. Sie wollen mitbestimmen, wie die EU die Abfallbehandlung künftig regelt. “Wir arbeiten hier mit der EU-Kommission zusammen”, betonte Cillian Lohan, der den Gesetzgebungsprozess zur Kreislaufwirtschaft für den EWSA verfolgt. “Das steigert unsere Chance, nicht nur folgenlos zu fachsimpeln.” Das scheint auch im Interesse der EU-Kommission zu liegen, die in der Union dafür zuständig ist, Richtlinien und Verordnungen vorzuschlagen, und anschließend die Verhandlungen zwischen EU-Parlament und Ministerrat begleitet. “Die Plattform ist ein Ort für bestehendes Wissen, für Kommunikation zwischen Interessengruppen und Politik und für Debatten”, sagte Daniel Calleja, Generaldirektor der Kommission für Umwelt.

Was passiert, wenn der Müll wieder entladen wird

Was passiert, wenn der Müll wieder entladen wird – damit will sich die EU stärker befassen. (Foto: Alba Group)

Die Slowenin Ladeja Godina Košir von der Denkfabrik Circular Change will auch, dass Unternehmen durch die Plattform voneinander lernen. “Manche Firmen wissen gar nicht, wo sie mit der Kreislaufwirtschaft anfangen sollen”, sagte Košir. Das Thema ist schließlich komplex: Erstens ist Recycling in vielen Fällen bisher mit Qualitätsverlusten verbunden und lohnt sich oft genug finanziell kaum. Zweitens geht es nicht nur um Abfall, sondern auch um die Herstellung und Nutzung von Produkten. Wenn elektronische Geräte beispielsweise gleich so gebaut werden, dass sie einfach und günstig zu reparieren sind, stellt sich die Frage nach Entsorgung oder Recycling lange nicht so scharf.

Wirtschaftslastiges Gremium

“Unsere Plattform kann Beispiele sammeln, bei denen das schon funktioniert, und Firmen können sich daran orientieren”, so Košir. Wie die Zusammenarbeit von Plattform und Politik künftig aussehen soll, beschäftigte viele Konferenzteilnehmer. “Wir müssen aufpassen, dass solche Best-Practice-Beispiele nicht sofort in neuen Regulierungen münden”, warf ein Unternehmer in der Abschlussdebatte ein und erhielt viel zustimmendes Nicken.

Recht allein mit seiner Meinung stand hingegen der gelernte Käser und langjährige Gewerkschafter Peter Schmidt da, der seit zwei Jahren für den EWSA arbeitet. “Die heutige Wettbewerbslogik bringt Unternehmen dazu, nach den geringsten Kosten zu streben – oft zu Lasten der Nachhaltigkeit”, sagte er. “Das ändert sich nicht ohne neue Regulierungen.”

 

Einig waren sich so gut wie alle, dass die Kreislaufwirtschaft für die Wirtschaft eine Chance ist, die Produktion effizienter zu gestalten – unabhängig von der ursprünglich ökologischen Idee, die Natur und die Ressourcen zu schonen und das Klima zu schützen. Leida Rijnhout vom Umwelt-Dachverband Friends of the Earth Europe befürchtet, dass genau diese Idee in den Hintergrund rücken könnte und die Anliegen von Klima- und Umweltschützern zu kurz kommen. “Die Interessen, die auf der Plattform vertreten werden, sind nicht sehr ausgewogen”, sagte Rijnhout. “Sie ist sehr wirtschaftslastig, während Nichtregierungsorganisationen und Gewerkschaften kaum beteiligt sind.”

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